Arbeitsplatz als Wohlfühlort: Warum Wohlergehen Kosten spart

Volker Grümmer

Es ist schon seltsam: Einerseits bekommt das Thema psychische Gesundheit immer mehr Aufmerksamkeit. Andererseits schnellen die Krankheitstage aufgrund psychischer Belastungen in die Höhe. Was hat es auf sich mit Thema psychische Gesundheit am Arbeitsplatz? 

Arbeitsplatz als Wohlfühlort: Warum Wohlergehen Kosten spart

Stressbedingte Krankheiten sind mittlerweile keine Seltenheit mehr. Schätzungen gehen von rund 50 Millionen Menschen mit Depressionen, Erschöpfung und Suchterkrankungen in der Europäischen Union aus 1.  

Dabei belasten diese Krankheitsbilder nicht nur die Betroffenen persönlich, die längeren Fehlzeiten rücken das Thema in den Fokus von Unternehmen als Arbeitgebern. Von welchem Umfang sprechen wir?  

Daten der Krankenkasse TK belegen 2022 einen deutlichen Zuwachs der durchschnittlichen Fehlzeiten wegen psychischer und Verhaltensstörungen um 13,1 Tage bei Männern und 18,8 Tagen bei Frauen (pro 100 Versicherungsjahre). 2 Damit ist die Zahl von Stresserkrankungen definitiv ein wirtschaftlich relevanter Faktor für Unternehmen. 

Was ist die Ursache für die Zunahme von Stress am Arbeitsplatz, und – noch wichtiger: Was können wir dagegen tun? 

Was bedeutet Wohlbefinden bei der Arbeit?

Wohlbefinden ist der Zustand, in dem man sich ausgeglichen, gesund und zufrieden fühlt. Bei genauerer Betrachtung geht es um diese fünf Schlüsselelemente: 

  • Körperliche Gesundheit: fit sein, Energie haben. 
  • Emotionale Gesundheit: mental stabil sein. 
  • Soziales Wohlbefinden: echte Beziehungen erleben (auch beruflich). 
  • Finanzielles Wohlergehen: finanziell abgesichert sein, so dass Geld kein Stressfaktor ist. 
  • Gesunde Umwelt: einen sicheren und angenehmen Arbeitsplatz haben. 

Viele Unternehmen sehen die Verantwortung für psychische Gesundheit und Wohlbefinden bei ihren Mitarbeitenden, es herrscht oft noch eine reaktive Haltung vor. Werden Gesundheitsmaßnahmen unterstützt, bleibt der Fokus oft auf dem Körperlichen, etwa mit vergünstigten Mitgliedschaften im Fitnessstudio oder kostenlosen Massagen im Büro. So gern dies von Mitarbeitenden angenommen wird: Es reicht nicht, um eine aktiv formulierte und umfassende Strategie für das Wohlbefinden am Arbeitsplatz zu implementieren.  

Ein wichtiger Aspekt dabei: Psychische Störungen werden zwar von Einzelpersonen erlebt, aber sie sind mitunter Folge von Konstellationen im Arbeitsumfeld oder Problemen im Unternehmen. 3 Eine hohe Arbeitsbelastung, ein wenig unterstützendes Umfeld, eine schlechte Arbeitsplatzkultur oder Schwierigkeiten bei der Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben können die psychische Gesundheit belasten. 4 Auch das Gefühl von ständiger Erreichbarkeit, wahrgenommener oder echter Produktivitätsdruck oder die steigende Komplexität durch Berufsanforderungen oder durch neue Technologien haben Anteil am Gesamtempfinden. 5 

Bereits vor dem weltweiten Ausnahmezustand durch COVID-19 gab es (für viele unsichtbar) eine Zuspitzung im Bereich der psychischen Gesundheit. Die Belastungen der Pandemie verschärfte die Lage, und viele Menschen sahen sich einem erhöhten Stressniveau ausgesetzt. Das RKI spricht klar von einer deutlichen Verschlechterung der psychischen Gesundheit bei Erwachsenen. 6 

Dies zeigt sich in den häufigeren und längeren temporären Arbeitsunfähigkeiten (AU) wegen psychischer Störungen. Die TK beobachtet den Trend zu höhere Fehlzeiten nach Diagnosen wegen psychischer Störungen bereits seit 2006, mit Ausnahmen 2013 und 2016. Für das Jahr 2022 wertet die Krankenkasse für die eigne Versichertenbasis durchschnittliche 333 AU-Tage pro 100 Versicherungsjahre aus, mit einem kräftigen Anstieg im Vergleich zum Vorjahr. 7  

Daten des Robert-Koch-Instituts belegen für Deutschland, dass mindestens jede:r siebte Erwachsene einmal im Lauf des Lebens unter einer Depression leidet.7 Frauen sind dabei deutlich häufiger betroffen (oder zumindest diagnostiziert). Als Gründe werden die mehrschichten Anforderungen aus Familie und Berufstätigkeit vermutet. 8  

Daten für Österreich zeichnen ein ähnliches Bild: Bereits 2015 waren mehr als 5 % der Bevölkerung an einer Depression erkrankt 9 – also weit vor den Belastungen durch die Covid-19-Pandemie. Zahlen aus der Schweiz belegen, dass psychische Belastungen bis 2022 erhöht sind und vor allem bei jungen Menschen anstieg. 10 

Nicht zuletzt die Corona-Pandemie hat die Lebensqualität verschlechtert, gerade auch für junge Menschen. So geben etwa 40 % der Jugendlichen in einer Befragung der Universität Würzburg an, dass sich die Stimmung zuhause seit der Corona-Pandemie verschlechtert habe. 11 Das ist ein erschreckender Befund, der die Belastungen spiegelt, denen Familien sich ausgesetzt sehen. Und diese Belastung bleibt nicht zuhause, sie zeigt sich in Fehltagen und Produktivitätsabfall am Arbeitsplatz. 

Psychische Störungen: Kosten für Unternehmen  

Die Folgen von psychischen Störungen und stressbedingten Erkrankungen sind für Unternehmen gravierend und kostspielig. Weltweit geht schätzungsweise eine Leistung von etwa 12 Milliarden Arbeitstagen durch Depressionen und Angstzustände verloren. Das entspricht einem geschätzten Produktivitätsverlust von 1 Billion US-$. 12  

Die Kosten für Unternehmen in Deutschland sind schwer zu schätzen. Eine Studie geht von Produktivitätseinbußen durch Burn-out in Deutschland von €9 Milliarden pro Jahr aus. 14  

Über die reine Statistik hinaus zeigen die Daten eindrücklich, mit welchen Herausforderungen Menschen an ihrem Arbeitsplatz konfrontiert sind. Und sie zeigen, wie sehr Unternehmen von einem gesunden Arbeitsumfeld profitieren, dass keine zusätzliche Belastung darstellt. 

Warum psychische Gesundheit keine Privatsache ist 

Das Wohlbefinden der Mitarbeitenden in den Blick zu nehmen, zeigt nicht nur Integrität, sondern ist auch strategisch sinnvoll, da profitabel. Im wettbewerbsintensiven Arbeitsmarkt bestehen Arbeitgeber, die Mitarbeitende in allen Bereichen fördern – dazu gehört auch das Thema psychisches Wohlbefinden. Eine Studie von McKinsey zeigt, dass 60 % der Arbeitnehmer:innen der Generation Z Ressourcen im Bereich psychische Gesundheit bei der Wahl des Arbeitgebers als wichtig ansehen. Ebenso spielen diese Initiativen eine wichtige Rolle bei ihrer Entscheidung, bei einem Unternehmen zu bleiben. 15  

Das Wohlergehen der Mitarbeitenden in den Blick zu nehmen, hat weitere Vorteile. Eine Studie der University of California, Riverside, ergab, dass Unternehmen, die sich auf das Wohlbefinden ihrer Mitarbeitenden konzentrieren, eine 5 % höhere Produktivität verzeichnen. Jeder US-Dollar, der für Wellness-Programme ausgegeben wird, spart dabei 3,27 US-$ im Gesundheitswesen ein und senkt die Kosten durch niedrigere Fehlzeiten um 2,73 US-$.  

Und auch Programme für Work-Life-Balance zahlen sich aus. Jeder in diesen Bereich investierte Dollar führte zu Kosteneinsparungen von 1,68 US-$, wenn man die Kosteneinsparungen durch niedrigere Fluktuation, weniger Präsentismus (Mitarbeitende arbeiten, sind aber nicht voll produktiv) und weniger Leistungen aus dem Gesundheitswesen berücksichtigt. 16  

Solche Programme sind ein großartiger erster Schritt. Und sie sollten auf die Bedürfnisse der Mitarbeitenden zugeschnitten sein. In diesem Mindset ist es entscheidend, direkt von den Mitarbeitern zu erfahren, was diese benötigen, um sie sich bei der Arbeit unterstützt fühlen. Aus diesem Feedback werden Maßnahmen entwickelt, die Engagement und Produktivität steigern. Eine Arbeitsplatzkultur, die so auf Mitarbeitende eingeht, bringt nachhaltige Veränderungen. 

Die Wechselwirkung zwischen Engagement und Wohlbefinden

HR-Experten, Führungskräfte und andere Verantwortliche in Unternehmen sind im Themenkreis psychische Gesundheit inzwischen besser informiert als noch vor wenigen Jahren. Und nicht nur sie: Auch Betroffene und Ärzte erkennen psychische Störungen früher und stellen sich einer Diagnose.  

Der Faktor Wohlbefinden am Arbeitsplatz wird dabei häufig unterschätzt und auf die Fehlzeitenquote reduziert. Dabei gerät das Phänomen Präsentismus aus dem Blick: Wenn Mitarbeitende anwesend sind, aber so unzufrieden, dass sie sich kaum engagieren, ist das ebenfalls ein Kostenfaktor. Regelmäßige Umfragen, die das Engagement der Mitarbeitenden in den Blick nehmen, sind deswegen ein wichtiger Indikator für psychische Gesundheit. 17 

So entsteht ein deutlich realistischeres Bild der Lage. Nachgewiesenermaßen schaffen Engagement und Wohlbefinden gemeinsam ein leistungsstarkes Arbeitsumfeld, in dem jedes Element das andere unterstützt und stärkt. 18 

In seiner Studie “From Stress to Engagement” arbeitet Professor Willem van Rhenen von der Nyenrode Business University eine einfache Wahrheit heraus: Unternehmen, die ihre Bemühungen auf die Förderung des Engagements ihrer Mitarbeitenden ausrichten, erzielen echte Ergebnisse. Engagierte Mitarbeiter sind demnach bis zu 25 % produktiver und machen 50 % weniger Fehler. Und sie melden sich deutlich seltener krank, etwa um 30 bis 40 Prozent. 19. 

Wie können HR-Teams Stress und Burnout erkennen und verhindern?  

Starten Sie mit den Grundlagen: Faire Gehälter für alle und eine unterstützende und integrative Unternehmenskultur sind ein wichtiger erster Schritt in Richtung Wohlbefinden. Kleine Veränderungen im täglichen Umgang miteinander und aufrichtiges Zuhören verstärken das und legen den Grundstein für einen gesünderen Arbeitsplatz für alle.  

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Aktives Monitoring des Mitarbeiterengagements etabliert ein Frühwarnsystem, es zeigt HR-Teams potenzielle Probleme frühzeitig und macht es möglich, Probleme anzugehen, bevor sie groß werden. Dieser proaktive Ansatz trägt dazu bei, dass Arbeitsbedingungen, die Stress oder gar Burnout-Gefährdungen begünstigen, schnell behoben werden können. So bleibt ein positives Arbeitsumfeld erhalten. 

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